Aus dem Leben

Warum ich ohne Social Media glücklicher wäre

Liebe Bücherwürmer,

heute geht es ausnahmsweise mal nicht um Bücher, sondern um ein anderes Thema, das mich nun schon einige Tage beschäftigt: Ich glaube, ich wäre ohne Social Media glücklicher.

Wie kam es überhaupt zu dieser Überlegung?

Vor einigen Tagen haben mein Freund und ich im Fernsehen eine Sendung geschaut, die bei uns nostalgische Gefühle hervorgerufen hat. Wir begangen, uns über unsere Kindheit zu unterhalten und vor allem auch darüber wie es war, ohne das Internet zu leben. Wir gehören beide zu der Generation, die noch panisch auf den roten Hörer gedrückt hat, wenn man aus Versehen auf den Internet-Knopf des Tastenhandys gekommen ist und die zum Recherchieren von Projekten den Computerraum der Schule in den Pausen nutzen musste. Meine Familie war sogar ein ziemlicher Nachzügler, was das Internet betrifft, weil meine Eltern es einfach nicht für notwendig gehalten hat.

Ich fing also an, mich an eine Zeit zu erinnern, in der ich mein Handy und das Internet so gut wie gar nicht genutzt habe, weil ich alles, was ich brauchte auf einem Fleck hatte: Familie, Freunde und Bücher. Wenn ich freitags aus der Schule kam, habe ich mein Handy weggelegt und erst Sonntagabend – ohne es bis dahin vermisst zu haben – wieder in die Hand genommen. Das Einzige, was darauf zu finden war, war vielleicht eine SMS einer Freundin, ob wir noch Hausaufgaben aufhaben.

Es gab also eine Zeit, in der ich so gut wie nie das Internet und damit Social Media-Kanäle benutzt habe. Und wisst ihr was? Ich glaube, ich war damals um einiges glücklicher und vor allem freier. In meinem Handeln. In meinem Denken.

Warum genau wäre ich glücklicher?

KEINE VERGLEICHE MEHR


Ich vergleiche mich andauernd. Ehrlich. Ich weiß, dass das nicht gesund ist und auch nicht der Sinn von Social Media-Kanälen, aber genau das tue ich dort: Ich vergleiche mich und auch mein Leben mit anderen. Jeden Tag. Als es kein Internet gab, hat man sich höchstens mal mit Freunden verglichen oder mit Mitschülern. Doch die damaligen Vergleiche beschränkten sich in meinem Fall auf Noten, Kleidung und Aussehen, letzteres vor allem in der Pubertät. Aber dieses ständige, schon fast alltägliche Vergleichen gab es nicht.

Da ich nun auch noch Teil der Buchblogger-Community bin, vergleiche ich mein Leseverhalten, meinen Stapel ungelesener Bücher, meinen Blog, meine Beiträge, meine Neuzugänge, meinen Kontakt zu Verlagen, usw. Es ist eine unendlich lange Liste. Früher habe ich einfach nur gelesen, egal wie viel. Ich glaube, ich habe befreiter gelesen.

KEIN ANGESPORNTES KONSUMVERHALTEN MEHR


Unglaublich, aber wahr: Früher habe ich höchstens 5 Mal im Jahr Bücher gekauft und da sind sowohl Buchhandlungsbesuche als auch Internetbestellungen dabei. Erstmal lag es daran, dass ich in einem kleinen Dorf gewohnt habe, das keine eigene Buchhandlung hat. Ich war also darauf angewiesen in die Stadt zu kommen, um Bücher zu shoppen. Als meine Eltern sich dann doch für das Internet entschieden hatten, kam noch Weltbild dazu, wo ich einmal im Jahr bestellt habe (ohne verurteilt zu werden, weil ich angeblich die Gesinnung von Weltbild unterstütze). Und ich war damit zufrieden. Nun werde ich durch Instagram, Twitter und natürlich andere Buchblogs andauernd aufmerksam auf Bücher. Verlagsvorschauen sind im Internet zu jeder Uhrzeit abrufbar. Wunschlisten explodieren. Der und die haben das Buch schon? Ich möchte mitreden und schon ist es bestellt. Früher habe ich mir weniger Bücher gekauft und war mit meinem kleinen SuB glücklich. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, eben weil ich es nicht wusste.

KEIN UNNÖTIGER PERFEKTIONISMUS NACH AUßEN MEHR


Vor allem auf Instagram wird der Perfektionismus gelebt. Noch nicht so ganz die richtige Wirkung? Filter drauf. Nicht schlank genug? Für das Bild wird fix der Bauch eingezogen. Unreine Haut? Photoshop richtet das und dann wird es mit einem Filter gepostet. Und ja verdammt, ich vergleiche mich mit diesen „perfekten“ Menschen mit ihrem „perfekten“ Leben, obwohl ich weiß, dass nie alles so ist wie es scheint. Und ich möchte mithalten. Ich verbringe manchmal wirklich Stunden damit, das richtige Foto zu schießen, es richtig zu bearbeiten etc. Wisst ihr, was ich früher gemacht habe, als sich noch keiner für solche gestellten Fotos interessiert hat? Ich habe gelesen, ich habe Sims gespielt, ich habe gebacken, ich habe geschrieben oder war spazieren. Früher habe ich meine Zeit noch sinnvoll genutzt, für meinen Seelenfrieden gesorgt und auch Dinge getan, die eben kein sinnvolles Ergebnis hatten.

NICHT JEDEN TAG EIN NEUES PROBLEM


Das ist wohl einer der Punkte neben den Vergleichen, den ich mir am meisten zurückwünsche: Ich wurde nicht jeden Tag mit Meckerposts jeglicher Art bombardiert. Es hat nicht jeder zu allem seine ungefilterte Meinung gepostet. Das vermisse ich wirklich. Natürlich ist es ein Pluspunkt des Internets, dass man sich austauschen kann, aber muss wirklich jeder zu allem etwas sagen? Jeden Tag? Müssen Themen bis in die kleinsten Fetzen zerrissen werden und wenn dann das Thema komplett zerrissen ist, die Menschen hinter den diskutierenden Accounts? Ich kann es nicht mehr sehen. Ohne Social Media gab es diese Hetze nicht.

KEIN DRUCK MEHR IMMER PRÄSENT ZU SEIN


Vor allem mit einer steigenden Followerzahl (Twitter) oder damit die Followerzahl steigt (Instagram) habe ich das Gefühl, immer präsent sein zu müssen. Jeden Tag möchten die Social Media-Kanäle bedient werden, Beiträge geteilt etc. Ich mache Dinge und überlege, wie ich das am besten in einen Tweet verpacken könnte. Ich bekomme ein Buch und überlege, wie es sich am besten in Szene setzen lässt. Ohne Internet und Social Media, habe ich diese Dinge einfach gemacht. Ich habe kein extra Foto von meinem Standort gemacht, um es zu teilen. Ich habe Momente nur für mich genossen, Bücher gekauft ohne sie zu fotografieren. Wie schon am Anfang des Beitrags erwähnt: Ich habe mein Handy übers Wochenende gar nicht angefasst und war nicht präsent, nicht erreichbar. Für niemanden. Und das war kein einsames Gefühl. Es war ein gutes Gefühl.

Und warum lösche ich nicht einfach alles? Kappe meine Verbindung zu allen Social Media-Kanälen?

Ich kann es nicht. Ich bin ehrlich und kann daher nur sagen: Ich bin so weit, dass ich es nicht mehr kann. Und das liegt an euch. Genau. An dir! Ich würde euch vermissen, unendlich vermissen. Den Austausch, die Inspiration, das Teilhaben an eurem Leben. Twitter ist tatsächlich mein zweites Zuhause geworden. Ich teile so gut wie alles mit euch und ich bin immer froh, wenn ihr mir antwortet. Wir über Bücher reden oder sogar zusammen bei Arvelle Bücher bestellen! Aber meint ihr nicht auch, wir könnten alle mal einen Gang runterschalten?

ERGÄNZUNG: Die Kommentare habe ich deaktiviert. Der Beitrag ist wieder online, weil mir sehr viele geschrieben haben, dass sie ihn gerne gelesen hätten, aber die Chance dazu nicht hatten.